Ein russischer Wissenschaftler hat eine neue Struktur der emotionalen Intelligenz vorgeschlagen

Das Konzept der emotionalen Intelligenz ist in den letzten Jahrzehnten zu einem der beliebtesten in der Psychologie und in angewandten Bereichen – von der Bildung bis zur Personalauswahl – geworden. Einem Forscher der Polytechnischen Hochschule Perm zufolge gibt es jedoch immer noch eine erhebliche Lücke in seiner theoretischen Grundlage: Die bestehenden Modelle berücksichtigen nicht die Fähigkeit zu fühlen. Dies teilte der Pressedienst der Bildungseinrichtung gegenüber Gazeta.Ru mit.

Heute wird unter emotionaler Intelligenz meist die Fähigkeit verstanden, Emotionen zu erkennen, zu verstehen und zu regulieren – die eigenen und die anderer. Dies ist die Struktur, die den meisten diagnostischen Tests zugrunde liegt. Sie bewerten, wie genau eine Person eine Emotion benennen und logisch über sie nachdenken kann. Diese Methoden erfassen jedoch in erster Linie die kognitive Komponente und beantworten nicht die Frage, ob eine Person tatsächlich Emotionen erlebt.

Elena Rastorgueva, Kandidatin der psychologischen Wissenschaften, außerordentliche Professorin des Fachbereichs „Soziologie und Politikwissenschaft“ an der PNIPU, schlug vor, die Struktur der emotionalen Intelligenz um ein neues Grundelement zu ergänzen – die emotionale Sensibilität. Darunter versteht man die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf die eigenen Gefühle zu lenken, mit ihnen „in Kontakt“ zu bleiben, ohne die Erfahrung zu unterdrücken oder durch Analyse zu ersetzen.

„Experimentelle Daten zeigen, dass eine Person die Fähigkeit zur Analyse und zum Dialog beibehalten kann, gleichzeitig aber vorübergehend oder dauerhaft die Fähigkeit zu fühlen verliert“, – so Elena Rastorgueva.

Der Forscherin zufolge ist emotionale Sensibilität keine angeborene Eigenschaft des Temperaments. Sie ist eine Fähigkeit, die entwickelt und wiederhergestellt werden kann. Fehlt sie, kann eine Person die Anzeichen von Stress und Überlastung schlechter erkennen und neigt eher zu Burnout und psychosomatischen Störungen.

Das Problem ist besonders wichtig bei der praktischen Anwendung von Tests zur emotionalen Intelligenz. Bei der Personalauswahl und in der gerichtlichen Praxis können die Ergebnisse der Diagnostik die Entscheidung über die Besetzung einer Stelle, die Auswahl einer Präventionsmaßnahme oder die Einschätzung des Rückfallrisikos beeinflussen. Gleichzeitig kann eine Person mit verlorener Sensibilität aufgrund ihrer entwickelten Fähigkeiten, Emotionen zu analysieren, ohne sie vollständig zu erleben, hohe Ergebnisse erzielen.

Das vorgeschlagene Modell schlägt eine genauere Diagnose vor: Es wird zwischen Defiziten bei der Wahrnehmung, den Selbstregulationsfähigkeiten oder der Fähigkeit zu fühlen unterscheiden. Nach Ansicht des Autors sind für die Weiterentwicklung des Konzepts weitere psychoneurophysiologische Forschungen erforderlich.

In Zukunft könnte die erweiterte Struktur der emotionalen Intelligenz die Grundlage für neue Diagnoseinstrumente bilden, die in der Lage sind, das reale Erleben von Emotionen von deren Nachahmung zu unterscheiden und die emotionale Stabilität und das Einfühlungsvermögen einer Person genauer zu beurteilen.

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